«Es ist gut, dass wir einen LMV für die nächsten sechs Jahre haben» 

Der Schweizerische Baumeisterverband SBV hat im letzten Jahr einiges für seine Mitglieder erreicht, erläutert Gian-Luca Lardi, SBV-Zentralpräsident, im Interview.  

Was war der wichtigste Meilenstein im Jahr 2025? 

Wir haben uns für den LMV-Abschluss hohe Ziele gesetzt, uns gut vorbereitet und es ist uns so gelungen, eine langfristige Lösung zu erreichen. Selbstverständlich mussten wir dabei auch Kompromisse eingehen, ohne solche gibt es keine Sozialpartnerschaft. Der neue LMV bringt Stabilität und Planungssicherheit, mehr Flexibilität für Unternehmen und Mitarbeitende sowie eine faire Verteilung der Risiken bei gleichzeitig gestärkter Friedenspflicht. Davon profitieren alle Bauunternehmen, auch KMU. Ich möchte an dieser Stelle allen, die an den Verhandlungen mitbeteiligt waren, herzlich danken.  

Apropos Sozialpartnerschaft: Auf Ende 2025 wurden die SVK und der Parifonds zusammengelegt. Weshalb? 

Wir arbeiten ständig an der Verbesserung unserer Gremien und Strukturen. Die Zusammenlegung soll die Vollzugsstrukturen vereinfachen und personelle wie administrative Synergien nutzen.  

Was sind derzeit die grössten Herausforderungen für die Schweizer Baubranche?  

Die Bauwirtschaft steht vor grossen Herausforderungen: steigende Kosten, Fachkräftemangel und zunehmende Regulierung. Gleichzeitig gilt es, Klimaneutralität und digitale Transformation voranzutreiben. Wir investieren daher aktiv in Nachwuchs, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft. Doch wir sehen darin nicht nur Herausforderungen, sondern vor allem Chancen wie neue Zusammenarbeitsmodelle, mehr Kostensicherheit, Entlastung auf der Baustelle zum Beispiel durch KI oder Wettbewerbsvorteile für Unternehmen, die früh handeln und in neue Technologien investieren.  

Wie investieren Sie in den Nachwuchs? 
In enger Abstimmung mit der Branche überarbeiten wir die Grund- und Kaderausbildung, definieren neue Berufsbilder und passen die Weiterbildung an. Die Ausbildungen werden auf praxisorientierte Handlungskompetenzen fokussiert. Die Mitarbeitenden erhalten so genau das Rüstzeug, das sie für ihren Berufsalltag benötigen, was ihre Motivation steigert und so ihren Verbleib in der Branche sichert. Im letzten Jahr wurden einige wichtige Meilensteine erzielt, was mich persönlich sehr freut. Die neue Professur von Philipp Häfliger an der ETH Zürich als «Professor of Practice» sichert dem Baubetrieb und Baumanagement wieder einen Platz in der akademischen Lehre, was ebenfalls neu und wichtig ist. 

Welche weiteren Ziele wurden 2025 noch erreicht? 

Die Abschaffung der Per-Se-Erheblichkeit im Wettbewerbsrecht erachte ich als einen grossen Erfolg, bei dem sich eine mehrjährige Lobbying-Arbeit zusammen mit vielen Partnerverbänden ausbezahlt hat. Künftig müssen die Wettbewerbsbehörden wieder im Einzelfall prüfen und belegen, ob eine Marktschädigung tatsächlich stattgefunden hat und wirtschaftlich erheblich ist. Für die Mitglieder des SBV bringt dies spürbar mehr Rechtssicherheit und Fairness in Gerichtsverfahren. Eine pauschale Verurteilung der Unternehmen anhand formeller Indizien sollte damit nicht mehr vorkommen. Die Versorgung der Bauwirtschaft mit ausreichend Rohstoffen und Baumaterial auf lange Sicht ist ein wichtiges Anliegen. Die EMPA hat mit der Unterstützung mehrerer Bauverbände, darunter dem SBV, mit einer Studie über die Verwendung und die Materialflüsse begonnen. Die Ergebnisse liegen voraussichtlich im Sommer 2027 vor. Der Entschädigungsfonds für Asbestopfer wird nun mit einem neuen Modell finanziert, dabei fliessen Ertragsüberschüsse der SUVA in den Fonds. Um die Transparenz der Geldflüsse in der Sozialpartnerschaft zu erhöhen, müssen alle paritätischen Berufskommissionen ihre Jahresberichte offenlegen. Betroffene Arbeitgeber und Arbeitnehmer erhalten auf Verlangen Einsicht in die Berichte. Last und keineswegs least, denn das Thema ist uns sehr wichtig, haben wir beim Runden Tisch Wohnungsbau einiges erreicht. 

Die Verfügbarkeit von Wohnraum ist ein grosses Thema in der Schweiz. In vielen Regionen sinkt die Zahl der verfügbaren Wohnungen, während die Nachfrage ansteigt. Was hat der SBV hier erreicht? 

Wir sind beim Wohnungsbau zwei wichtige Schritte vorangekommen: Zum einen wird die Anwendung von ISOS (schützenswerte Ortsbilder) eingeschränkt, wodurch vorgeschobene Gründe gegen den Bau von Wohnungen reduziert und der Bau beschleunigt werden. Zum anderen wurde der Lärmschutz bei Wohnbauten vom Parlament derart reformiert, dass Tausende von Wohnungsprojekten an lauten Hauptstrassen nicht mehr blockiert sind. Die Teilnahme am Runden Tisch ISOS belegt, wie stark sich der SBV in die Diskussion lösungsorientiert einbringt. Aber das genügt uns noch nicht. Der SBV fordert eine deutliche Beschleunigung der Bewilligungsverfahren, einen umfassenden Abbau überflüssiger Vorschriften, eine klare und rechtssichere Beschränkung der Einsprachen auf Direktbetroffene, eine umfassende Beteiligung der Blockierer an den verursachten Mehrkosten und eine strafrechtliche Verfolgung von Erpressungsversuchen. In der Schweiz werden jährlich 10 000 Wohnungen zu wenig gebaut. Das Bauhauptgewerbe wäre bereit, diese zu erstellen. Wenn nicht mehr gebaut wird, wird sich die Situation weiter verschärfen, was schliesslich dem Erfolgsmodell Schweiz schaden würde. 

Der SBV hat sich klar für die Stärkung des Erfolgsmodells Schweiz ausgesprochen. Welche weiteren Massnahmen braucht es dafür? 

Es braucht eine moderne und leistungsfähige Infrastruktur. Leider halten die Aufträge im öffentlichen Tiefbau nicht mit dem Bedarf Schritt. Zudem sollten Strasse und Schiene nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der Bundesrat hat mit dem «Verkehr 45» einen Ansatz vorgelegt, der beide Verkehrsträger koordiniert. Dies ist der richtige Weg. Die Bahn geniesst sehr viel Ansehen in der Öffentlichkeit und Politik. Es muss nun auch gelingen, das Ansehen des Individualverkehrs zu steigern. Vier von fünf Haushalten in der Schweiz verfügen über einen Personenwagen. Wir sollten aufhören, dieses Bedürfnis schlecht zu reden. Der SBV engagiert sich auf dieser Ebene national, und die Sektionen regional, um die nächsten Abstimmungen zu gewinnen. 

Das Bauhauptgewerbe ist eine Stütze des Erfolgsmodells Schweiz – wie steht es selbst da? 

Das Bauhauptgewerbe hat 2025 zwei Prozent mehr Umsatz erwirtschaftet, 2026 verspricht die Prognose dasselbe Wachstum. Unsere Branche ist sehr solide und widerstandsfähig. Exportorientierte Branchen müssen andere Herausforderungen meistern. Diese Branchen rufen immer wieder nach staatlichen Hilfen, wir hingegen jammern nicht und liefern. Fachkräftemangel, hoher Termindruck, schwere Arbeiten bei unvermeidbarer Sonne, unfaire Sicherheitsgarantien von Bauherren – wir packen diese Herausforderungen selbst an, oft in Allianz mit unseren zahlreichen Nachbarbranchen. 

Der SBV ist ein nationaler Verband mit föderalen Strukturen. Damit muss er verschiedene Interessen unter einen Hut bringen. Ist das manchmal nicht schwierig? 

Dass wir als nationaler Verband die Interessen des Bauhauptgewerbes aller Landesteile vertreten, hat klare Vorteile, weil unsere Stimme so besser gehört wird. Die föderale Struktur entspricht unserer Schweizer Mentalität. Natürlich kommt es vor, dass nicht alle Sektionen die gleichen Ziele verfolgen. Die Ansprüche können sich sehr klar unterscheiden. Hier sind wir alle gefragt. Nur wenn wir uns auf die Gemeinsamkeiten konzentrieren, gelingt es, Differenzen zu überbrücken.